Donnerstag, 1. November 2012

Gastbeitrag von Barbara zu den "Alten Schätzchen"

Von Barbara Luetgebrune habe ich eine schöne Geschichte zu ihrem alten Schätzchen per Mail bekommen. Vielen Dank, liebe Barbara für Deine Erinnerung an den armen Schatzi und die Anfänge der Asia-Restaurants in Deutschland.



Ein Kochbuch aus den 1980er Jahren – ist das schon ein altes Schätzchen? Unbedingt. Es stammt aus jener fernen Zeit, ehe Kokosmilch und Fischsauce zur Grundausstattung in den Speisekammern gehörten. Zumindest bei uns zu Hause war das so. Dort wurde gekocht – täglich, nahrhaft und durchaus lecker. Eintopf. Buletten. Hering mit Speckkinkeln. Und jede Menge Pellkartoffeln. Ehrenwerte Hausmannskost der ländlichen Art. Kein Wunder, dass uns das Chinarestaurant mit (dem unglaublich einfallsreichen) Namen „Jade-Garten“, das sich irgendwann in dieser Zeit im nächsten Städtchen ansiedelte, vorkam wie der Gipfel an Exotik. Wir gingen hin, aßen Hühnchen Süß-Sauer und Frühlingsrollen und liebäugelten mit den für unser Taschengeld-Budget viel zu teuren Sieben Kostbarkeiten. Dass Haare und Kleidung im „Jade-Garten“ eine Duftnote annahmen, als seien wir mal eben durch die Friteuse getaucht, gehörte für uns zum Asia-Feeling.

Auf die Idee, zu Hause asiatisch zu kochen, kamen wir nicht. Dabei hatte ich Appetit auf Neues! Immer wieder blätterte ich in dem Kochbuch, dass meine mondäne Tante aus der Großstadt meiner Mutter geschenkt hatte. „Kochen mit Obst und Gemüse“ aus dem „essen & trinken“-Verlag. Jedes Kapitel widmet sich einer Obst- oder Gemüsesorte, führt drei, vier Rezepte auf und gibt Verarbeitungs-Tipps – gerade in so einem Fall wie der mir seinerzeit ebenfalls noch ziemlich fremden Avocado äußerst hilfreich. Das Buch wirkt auch heute noch optisch sehr ansprechend, es ist übersichtlich angelegt, und viele Rezepte machen Lust aufs Nachkochen. Klar – das 250g-Glas-Mayonnaise, das in schöner Regelmäßigkeit in der Zutatenliste auftaucht, ist leicht fragwürdig. Aber dass nicht nur ich mir im Laufe der Jahre in dem Buch immer wieder Anregungen geholt habe, belegen die zahlreichen Lesezeichen und Zettel mit handschriftlichen Menüplanungen, die mir entgegen flatterten, als ich das Buch jetzt für dieses Event von meiner Mutter auslieh.



Aber zurück in die 1980er. Meine Eltern weilten in ihrem allwinterlichen Langlauf-Urlaub, als Schatzi auf der Bildfläche erschien. Schatzi, der neue Freund einer meiner Schwestern, hatte von Anfang an einen schweren Stand – beerbte er doch einen in der Familie allseits beliebten Vorgänger. Schatzi kämpfte mit allen Mitteln um Anerkennung und schreckte auch vor kulinarischen Tricks nicht zurück. Bei einem seiner Besuche entdeckte er in besagtem Kochbuch das Rezept für eine Sojasprossenpfanne mit Schweinefilet. Und am folgenden Sonntag kochte er für uns vier Schwestern. Sein Gericht kam gut an. Es überlebte Schatzis eigene Präsenz in der Familie (drei Schwestern, die den Freund der vierten nicht leiden können, sind ein ziemliches KO-Kriterium für eine Beziehung) um Längen. Die Sprossen-Schweinefilet-Pfanne hingegen erfreute sich bei Gästen des Hauses noch eine ganze Weile großer Beliebtheit.

Dafür wird das Schweinefilet in Streifen geschnitten, in einer Mischung aus Sojasauce, Sherry, Zitronensaft, Speisestärke und Pfeffer mariniert und dann portionsweise angebraten. Im gleichen Bratfett werden rote Paprika sowie Bambus- und Sojasprossen angedünstet, mit der Marinade und Hühnerbrühe (laut Rezept: Instant! ;) ) abgelöscht, und schließlich wird alles zusammen mit dem Fleisch noch einmal kurz aufgekocht. Nach Bedarf mit Sojasauce, Sherry, Zitronensaft und Pfeffer abschmecken und mit gehackter Petersilie bestreuen.



Zugegeben: Heute mutet das wie eine sehr grobschlächtige Imitation von asiatischer Küche an, die sich das Prädikat „Asia“ allein durch Sojasauce und Unmengen an Sprossen zu sichern sucht. Aber damals, in den 80ern – ich sage nur: Wie! Im! „Jade-Garten“! Und überhaupt: Kein einziger Gast musste nach dem Essen nach Hause eilen, um sich rasch mal die Haare zu waschen.

Kommentare:

  1. Ein wunderbares Thema, diese alten Schaetzchen!

    Das von Barbara vorgestellte Buch habe ich auch, nur leider leider ist es, wie alle meine anderen alten Schaetzchen auch, knapp 9000 km entfernt und somit gerade nicht einsehbar.

    Egal, diese Geschichte ist sehr anruehrend. Und dass man kocht, was einem schmeckt und auch mal auf Rezepte pfeift, ist doch eigentlich auch klar ;-) - inzwischen.

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    1. Danke, Dorrie. Und 9000 Kilometer sind definitiv eine zu große Entfernung zu Schätzchen, egal ob alten oder jung gebliebenen! :)

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  2. ...eine schöne geschichte, barbara. die schönsten erinnerungen sind die, die man heute noch nachkochen kann. das ist dann wie eine zeitreise mit dem kochtiopf ;)

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    1. Merci, Petra! Das mit der Zeitreise hast du schön geschrieben, genau so ist es...

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  3. Ooooh, er ist online - sehr klasse geworden. Dankeschön, Dorothée! :)

    Nur in einem Punkt muss ich Widerspruch einlegen. Von wegen "armer Schatzi": Arm war der nicht, der war schlicht indiskutabel. Kein Mitleid mit Schatzi! ;)

    LG von Barbara.

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    1. Gerne, Barbara. Das Kompliment muß ich aber zurückgeben. Ich habe ja daran fast nichts gemacht.

      Dafür, daß Schatzi indiskutabel war, hat er aber immer noch einen festen Platz bei Euch :-).

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